Als Guido Bosbach am 6. Juli 2016 seinen Beitrag „Vergesst die Digitalisierung!“ publizierte war ich doch „einigermassen erstaunt“. Beim Lesen hat sich mein erster Eindruck zwar relativiert, trotzdem möchte ich den Rahmen weiter spannen. Dazu ist es notwendig, sich über die Definitionen wesentlicher Begrifflichkeiten in diesem Kontext klar zu werden, danach über Trends, sowie über mögliche Auswirkungen.

Wie sind diese neuen Begriffe nun definiert?

Einen ersten Überblick habe ich im Grundwortschatz 4.0 bereits gegeben. Hier nun weitere Begriffe:

  • Digitalisierung: Die Entwicklung digitaler Technologien (oder Informations- und Kommunikationstechnologien ), um Daten in elektronischer Form zu verarbeiten, zu speichern und zu übertragen. Hierdurch können Informationen bereitgestellt werden, die Menschen und Organisationen als Handlungsgrundlage dienen.
  • Digitale Transformation: Der Einsatz digitaler Technologien und die Daten, die sie produzieren, um Organisationen, Menschen, physische Vermögenswerte, Prozesse etc. zum Zwecke der schnellen Entwicklung neuer Produkte, Dienstleistungen, Märkte und Geschäftsmodelle miteinander zu verbinden und so neu auftretende Kundenbedürfnisse zu kapitalisieren.
  • Neue Digitale Wirtschaft: Digitalisierung und digitale Transformation angetrieben durch eine Kombination von Mobiltechnologie, allgegenwärtigem Zugriff auf das Internet, und der Verschiebung hin zu Speicherung, Analyse und Entwicklung neuer Anwendungen in der Cloud.

Innovation & Digitalisierung ist eines der vier relevanten Themengebiete der STRIM Unternehmensgruppe. Im April dieses Jahres habe ich zwei Beiträge zur Digitalisierung veröffentlicht: Löst die Digitalisierung den Fachkräftemangel? und Digitalisierung verändert Aus- und Weiterbildung. Vor wenigen Tagen habe ich in der Berufsbildungsstudie 2016 ebenfalls über das Thema Digitalisierung geschrieben

Was sind wesentliche Trends der Neuen Digitalen Wirtschaft?

Die rasche Expansion der digitalen Wirtschaft spiegelt sich in einer viel höheren Nachfrage nach Computer- und mathematischen Berufen (Stichwort: MINT / STEM) wider. Allerdings liegen diesem Haupttrend einige spezifische Entwicklungen zugrunde:

  • Die verstärkte Nutzung der digitalen Technologie seitens der Unternehmen verursacht einen schnellen Anstieg der digitalen Arbeitsplätze – in bestimmten Berufen wie z.B. Statistiker, Operations Research-Analysten, Web-Entwickler und Computersystem-Analysten – in Branchen ausserhalb des digital-produzierenden Sektors.
  • Als Folge der Verschiebung in Richtung ICT-Dienstleistungen werden digitale Arbeitsplätze mit Bezug zu unternehmenseigenen Netzwerken – so z.B. Computernetzwerk-Architekten, Netzwerk- und Computersystem-Administratoren und Computer-Netzwerk-Support-Spezialisten – wahrscheinlich langsamer wachsen.
  • Eine Reaktion auf den Mangel an digitalen Arbeitern ist, dass viele digitale Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden, sowohl in Bezug auf die Produktion als auch in Bezug auf Dienstleistungen und die Benutzerunterstützung, was insbesondere Auswirkungen auf Computer-Programmierer und Software-Entwickler hat.

Die neue digitale Wirtschaft befindet sich derzeit noch im Übergang von der Installationsphase (in der die Verbreitung der Technologie noch recht langsam ist) zur Einsatzphase (zu diesem Zeitpunkt wird eine viel grössere Akzeptanz und Durchdringung der Technik zu einem schnelleren Wachstum und besserer Business-Performance führen). Der sog. Virtuous Cycle of digital innovation, business innovation, and fast industry growth veranschaulicht diese Entwicklung.

The-Virtuous-Cycle

Verantwortliche im Personalwesen können zu diesem Übergang vor allem dadurch beitragen, indem sie eine Reihe alternativer Strategien im Hinblick auf digitale Talente in ihre Überlegungen mit einbinden; hier einige Beispiele:

  • Um in vollem Umfang die Geschäftsmöglichkeiten, die von der neuen digitalen Wirtschaft angeboten werden, zu nutzen, müssen Unternehmen in digitale Fähigkeiten investieren, die bisher nicht als Kernfähigkeiten in Betracht gezogen wurden.
  • Wie weiter oben bereits angesprochen, müssen Offshore-Möglichkeiten sorgfältig geprüft und in Erwägung gezogen werden.
  • Alternative Strategien, um richtig qualifizierte Arbeitskräfte für die Umsetzung der Digitalisierungsstrategie zur Verfügung zu haben, beinhalten die Einbindung von Gastarbeitern  und Telearbeitern, sowie die Nutzung von Beratungsdienstleistungen, vertraglich eingesetzter Talente / Freelancer, sowie sog. Managed Services. Dies ist m.E. vor dem Hintergrund demografischer und sonstiger Entwicklungen der wichtigste Punkt! (siehe auch: Buy, Build, Borrow, Redeploy, or None of the Above).
  • Kritischer Arbeitskräftemangel  kann auch durch gemeinsame Bildungs- und Ausbildungsprogramme über öffentliche und private Partnerschaften erleichtert werden, oft in einer lokalen Umgebung.

Welche Auswirkungen sind durch die Digitale Transformation zu erwarten?

Auf Basis obiger Definition erscheinen mir vier Kernelemente der Digitalen Transformation wichtig:

  1. Digitale Technologien, Plattformen und Anwendungen sind ein wichtiger Enabler, aber die Technik ist nur eine Komponente der digitalen Transformation.
  2. Das Internet der Dinge (IoT) ist ein Beispiel für digitale technologische Fähigkeit, um Organisationen, Menschen, Gebäude, Maschinen und andere Geräte miteinander – häufig zum ersten Mal – miteinander zu verbinden.
  3. Überall dort, wo die digitale Technologie Verbindungen schafft, erzeugt sie auch Daten – kontinuierlich und in massiven Mengen. Digitale Transformation wird durch diese Daten und die Informationen und Erkenntnisse betankt, die daraus extrahiert und zurück in das Geschäft infundiert werden können.
  4. Risiken und Chancen ergeben sich in der digitalen Wirtschaft schneller als bisher; häufig ausgelöst durch neue oder nicht-traditionelle Wettbewerber.

Digital-Transformation

Die Auswirkungen der Digitalen Transformation auf das Geschäft können wie folgt zusammengefasst werden:

  • Engere Beziehungen mit den Stakeholdern,
  • Kundenanpassung,
  • Zusammenarbeit und Mitgestaltung,
  • Disruptive Geschäftsmodelle,
  • Transparenz,
  • Verwischung organisatorischer Grenzen, sowie
  • Demokratisierung.

Die Auswirkungen der Digitalen Transformation auf das Humanvermögen stellen sich wie folgt dar:

  • Führung: z.B. Neugestaltung der Organisationskultur und -struktur,
  • Organisationsgestaltung, einschliesslich der Rolle von Netzwerken: z.B. Hierarchieabbau,
  • Arbeit, Jobs, Personalplanung und -einsatz: z.B. Einsatz von Mensch und Maschine – für sich alleine und in Kombination,
  • Fähigkeiten: z.B. Abbau sog. „mid-level-skills“ und Umschulungen,
  • Rolle von HR und Wertbeitrag im Unternehmen: z.B: weniger Arbeitsplatzsicherheit, Einbindung temporärer Arbeitskräfte,
  • Employer Branding sowie Talent-Ansprache und -Gewinnung: z.B. Einbindung von Online-Plattformen, Rolle der Social Media,
  • Performance Management: z.B. kontinuierliches, real-time-Feedback, Einbindung Leistung, Verhalten und Gesundheit,
  • Aus- und Weiterbildung: z.B. Überprüfung der Wissensinhalte sowie der Art des Lernens,
  • Employee Engagement: z.B: Einfluss der Kultur auf Engagement und Bindung, sowie
  • Vergütung und Zusatzleistungen: z.B. Ermutigung zu neuen Verhaltensweisen, Einbindung von Prognosen alternativer Vergütungsmodelle.

Fazit

Die Nachfrage nach digitalen Arbeitsplätzen in der Wirtschaft steigt sehr rasch an und Technikverständnis wird für alle Mitarbeitenden relevant. Die Fähigkeiten mit der höchsten Nachfrage (Statistiker, Operations Research-Analysten, Web-Entwickler und Computer-Systemanalytiker) sind am schwierigsten zu akquirieren.

Zusammenarbeit und Partnerschaften zwischen Wirtschaft, Bildung, Forschung und staatlichen Institutionen sind entscheidend, um die vertikale Integration zu stärken und industrielle Annäherungen auszuschöpfen.

Agilität und Belastbarkeit sind wichtige Eigenschaften, die Unternehmen benötigen, um auf die disruptiven Störkräfte aus der neuen digitalen Wirtschaft zu reagieren.

Folgende Fragen zur Digitalen Transformation würde ich gerne mit CHROs bzw. Heads of HR im Blog diskutieren:

  • Hat Ihre Organisation eine digitale Strategie, die über die Implementierung von Technologien hinausgeht?
  • Fördert Ihre Unternehmenskultur digitale Initiativen?
  • Ist Ihr Unternehmen zuversichtlich, dass die Führungsmannschaft digitale Fähigkeiten erlernen wird? Können Sie die digitale Vision, den Business Case, und die operativ notwendigen Veränderungen der Belegschaft erläutern?
  • Wie genau wissen Sie, wo der Wandel auftreten wird?
  • Arbeiten Ihre Teams abteilungsübergreifend zusammen?
  • Haben Sie ein diszipliniertes Test- und Lern-Verfahren etabliert?
  • Haben wir die notwendigen Talente „an Bord“? Wo existieren Talent-Gaps?